Mir wurde bewust, daß ich eigentlich gar nicht auf sie wütend war und auch nicht auf mich. Meine Wut zielte in eine ganz andere Richtung.
"Eigentlich will ich gar nicht wahr haben auf wen ich wütend bin!" sagte ich und er guckte mich nur fragend an. Aber sein Blick war nicht fordernd, sondern nur interessiert. Er fing nicht an zu bohren sondern überließ es mir, ob ich erzählte und damit bekannte auf wen sich meine Wut konzentrierte.
"Ich bin wütend auf Gott" sagte ich und fühlte, wie das Aussprechen mich entlastete und enspannte. "Doch ich will's mir nicht eingestehen, da man auf Gott nicht wütend sein darf!"
"Nicht?" fragte er überrascht.
"Nein! Man darf doch nicht auf Gott wütend sein."
Er fragte mich:"Wo steht denn, daß man nicht wütend auf Gott sein darf?" und ich fand die Frage doof. Für mich war es schon immer selbstverständlich gewesen, daß man auf Gott nicht wütend sein darf, denn er ist heilig und eigentlich doch nur gut. Aber ich merkte, daß er Recht hatte. Ich wußte selber nicht, wie ich zu der Überzeugung gekommen bin. Sie war einfach da.
"Es ist doch so, daß die Wut genauso wie die Liebe, Trauer, Freude und alle anderen Gefühlsvariationen durch irgendetwas hervorgerufen werden und man auf das eigentliche Empfinden keinen Einfluß hat. Aber, wie man mit ihnen umgeht hat man in der Hand. Man sollte lernen seine Gefühle zu kontrollieren und sollte sich nicht von ihnen kontrollieren lassen, denn sonst passiert das, was Sie vorhin getan haben. Man läßt seinen Frust auf die Kosten von anderen raus. Wenn man dann auch noch sieht, daß man anderen Unrecht antut, dann fängt man an sich zu schämen und der Scham fängt dann auch noch an einen zu steuern."
Das was er sagte machte für mich Sinn und ich nickte ihm zu.
"Wenn sie meinen,daß sie auf Gott wütend sind, dann sind sie nun mal eben wütend auf Gott, und es würde nichts bringen, dies zu verdrängen. Damit würden sie sich ja nur selbst belügen."
Ich konnte ihm nur Recht geben. "Ja! Ich habe mich wirklich belogen. ich wollte es nicht wahr haben, und habe meine Wut auf Gott verdrängt. Ich war deshalb wirklich innerlich sehr zerrissen und habe mir selber Druck gemacht. Doch dann, als ich jetzt die Wut auf Gott erkannte und akzeptierte und dann auch noch Ihnen davon erzählte, wurde mir eine große Last abgenommen. Ich habe mich dabei richtig entspannt."
"Gut! Das freut mich." sagte er und ich sah, daß er es wirklich tat.
"Doch um zu wissen, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen sollen, müssen wir meistens wissen, woher sie kommen. In Ihrem Fall stellt sich die Frage, warum genau Sie auf Gott wütend sind und warum Sie der Meinung sind, daß Sie auf ihn nicht wütend sein dürfen."
Wir schwiegen uns erst mal eine Weile an, bis er schließlich sagte: "Wenn ich Sie richtig verstanden habe sind Sie wütend auf Gott, weil Ihre beste Freundin so viel Leiden mußte, was dazu führte, daß sie versucht hat sich umzubringen und die Ärtzt in diesem Augenblick um ihr Leben kämpfen müssen. Sie meinen, daß Gott dafür verantwortlich ist, nicht unbedingt, weil er ihr selber das Leid zugefügt hat, aber auf jeden Fall. weil er es zugelassen hat."
"Ja." flüsterte ich ihm zu.
"Doch vorhin sagten Sie, daß man auf Gott ja nicht wütend sein darf, weil er gut ist."
Wieder nickte ich zustimment.
"Das ist wirklich ein Problem. Denn irgendwie wiederspricht sich das alles. Wenn Gott gut ist, wie kann er dann verantwortlich für das Leiden ihrer Freundin sein? Wenn Gott es zugelassen hat, muß er dann nicht zumindest mitverantwortlich für ihr Leiden sein? Und wenn er mitvorantwortlich für ihr Leiden ist, wie kann er dann gut sein?"
"Ja! Irgendwie paßt das ganze nicht zusammen. Aber an die Alternativen glaub ich nicht."
"Die Alternativen?"
"Ja," fing ich an zu erklären."Entweder ist Gott schlecht, oder er ist nicht verantwortlich, oder meine Freundin hat es verdient."
"Vielleicht definieren wir Gut, Verantwortung und Verdienen einfach nur falsch." hörte ich ihn sagen, obwohl er es wohl nur laut gedacht hatte, es schien nicht an mich geichtet zu sein.