75dm.com / Creative Writing / Kurzgeschichten / Taschentuch (5/9)

1< I < I > I >! I  Link verschicken Druck-Version direkter Link kommentieren


Nach dem er eine ziemlich lange Zeit nachgedacht hatte fragte mich der Mann im Krankenhaus: "Wie ist sie denn aus der höllischen Gefangenschaft rausgekommen?"
"Seelisch ist sie ja noch immer gefangen."
"Klar!" sagte er und nickte mit dem Kopf. "Sonst hätte sie ja nicht versucht sich ein für allemal mit einem Selbstmord zu befreien. Doch da sie eine eigene Wohnung hat, und irgendwie in der Lage ist sich zu versorgen, und da sie mit Ihnen, wie mir scheint eine sehr enge und gute Freundschaft hat, muß sie es ja irgendwie geschaft haben sich zumindest ein Stück von ihrem Vater und ihrer Vergangenheit zu distanzieren."
"Ihr Vater wurde eines Tages vom Auto überfahren!" sagte ich.
"Ihr Vater wurde überfahren?" fragte er mich ziemlich überrascht. "Daß sie von ihrem Vater nicht mehr gequält wird hat sie einem Autounfall zu verdanken?"
"Ja! Irgendwie pervers, nicht wahr? Sein Unglück war ihr Glück."

"Und was ist mit ihr passiert?" fragte er nach einer kurzen Zeit der Stille.
"Nun, die Großeltern und die Tante wollten von ihr nichts wissen." erzählte ich. "Und da man nichts über ihre Mutter und ihren Verwandten wußte kam sie in ein Pflegeheim. Dort wurde sie wohl auch ganz gut aufgenommen. Der Zivi und ein erfahrener Sozialpädagoge konnten ihr Vertrauen gewinnen und eine engere Beziehung zu ihr aufbauen. Sie begegneten ihr mit sehr viel Zuneigung und Liebe. Doch leider konnte sie zwischen Liebe und sexueller Beziehung nicht unterscheiden. Sie mußte die Liebe auch körperlich bestätigt bekommen und versuchte deshalb beide zu verführen. Einer von ihnen zog eine klare Grenze, während der andere nicht wiederstehen konnte. Ich hab nie wirklich verstanden, wen sie nun letztendlich verführen konnte, doch das ist ja sowieso unwichtig, denn es ist ja beides denkbar."
Mein Zuhörer nickte mir zu.
"Na ja, auf jeden Fall fühlte sie sich von dem einem nicht nur abgewiesen, sondern total fallen und im Stich gelassen, nur weil dieser nicht mit ihr schlafen wollte; also hing sie sich an den anderen. Die sexuelle Beziehung kam raus und der Zivi oder der Sozialpädagoge, je nach dem, welcher mit ihr schlief, wurde entlassen und ein Verfahren wurde gegen ihn eingeleitet. Sie konnte das ganze nicht verstehen und hatte das Gefühl, daß alle sie als nicht liebenswert erachteten und ihr nichts gönnten. Sie vertraute niemanden mehr und riß häufig aus dem Heim aus. Sie lebte teilweise auf der Straße und rutschte immer wieder in kranke Beziehungen rein, in denen sie geschlagen wurde und in der die Versöhnung aus Sex bestand. Sie fand immer neue Art und Weissen ihren inneren Druck loszuwerden."

"Wie haben Sie sie eigentlich kennengelernt?" fragte mich der Mann im Krankenhaus schließlich.
"Oh, wir haben uns im Stadtpark kennengelernt. Zu der Zeit hatte sie schon einige Therapien hinter sich und wirkte eigentlich wie eine starke, selbstbewuste und ausgeglichene Persönlichkeit. Ich war in mitten des Stadtparks spazieren, als es plötzlich anfing zu regnen und ich hatte leider - obwohl es war ja eigentlich ganz gut, daß ich keinen Regenschirm dabei hatte. Sie hatte einen sehr großen Schirm dabei und bot mir an mich unter ihm mitzunehmen. Wir gingen also zusammen im Regen unter ihrem Schirm im Stadtpark spazieren, kamen dabei ins Quatschen und irgendwie hat sich daraus eine Freundschaft entwickelt."
"Ja, schön!" sagte mein Gesprächspartner lächelte dabei und man konnte ihm ansehen, daß er diesen Teil meiner Erzählung wirklich gut fand. "Hat sie es eigentlich geschaft eine berufliche Perspektive zu bekommen?" fragte er.
"Ja.", sagte ich. "Nach ihrer letzten Therapie hat sie eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester gemacht und kurz bevor wir uns kennengelernt haben, fing sie als Pflegerin in einem Kinderheim an."

1< I < I > I >! I  Link verschicken Druck-Version direkter Link kommentieren

I /\ I

© Copyright Marc Ziesmer. Alle Rechte vorbehalten

be creative

http://75dm.com/germanisch/writing/kurz/taschentuch/005_fs.html